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13.03.2019

Vorsicht bei Behandlung von Kopfschmerzen mit Schmerzmedikamenten

Kopfschmerzen: Was Betroffenen wirklich hilft

Chronifizierung vermeiden

Fast 2,5 Millionen Deutsche leiden an chronischen Kopfschmerzen – sie haben also Beschwerden an durchschnittlich jedem zweiten Tag. Viele Menschen behandeln sie mit frei verkäuflichen Medikamenten zunächst selbst, ohne mit ihrem Arzt darüber zu sprechen. Was viele nicht wissen: Der zu häufige Gebrauch von Schmerzmitteln kann eigenständige Kopfschmerzen auslösen, die chronisch werden können. Zudem sollten Patienten im Zweifel immer die Wirksamkeit von – in Eigeninitiative eingenommenen, aber auch von verordneten – Medikamenten vom Arzt prüfen lassen. Denn: Eine nicht ausreichende Schmerzlinderung ist ebenfalls ein Risikofaktor für chronische Kopfschmerzen, so die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung e. V. (DGKN). Wie chronischen Kopfschmerzen und Migräneattacken vorgebeugt und wie diese behandelt werden können, ist ein Thema auf der Pressekonferenz der DGKN am Donnerstag, den 28. März 2019 in Freiburg. Sie findet auf der 63. Wissenschaftlichen Jahrestagung der Fachgesellschaft statt.

Nach aktuellen Zahlen aus epidemiologischen Studien leiden etwa drei Prozent der Bevölkerung in Deutschland an chronischen Kopfschmerzen. „Dies sind Kopfschmerzen, die an mindestens 15 Tagen im Monat über mindestens drei Monate auftreten“, sagt Privatdozent Dr. med. Charly Gaul von der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein im Taunus. Der Leidensdruck für die Patienten – etwa durch Arbeitsunfähigkeit und verminderte soziale Teilhabe am Leben – sei erheblich.

Dabei können Therapeutika gegen Kopfschmerzen selbst Schmerzen auslösen: „Werden an 15 oder mehr Tagen einfache Schmerzmittel oder sogenannte nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Acetylsalicysäure (Aspirin), Ibuprofen oder Diclofenac eingenommen, oder an mehr als zehn Tagen Opioide, Triptane, Ergotamine oder Schmerzmittelmischpräparate, steigt das Risiko zur Kopfschmerzchronifizierung erheblich an“, so Dr. Gaul. Weitere Risikofaktoren für eine Chronifizierung der Schmerzen seien ein weibliches Geschlecht, psychische Begleiterkrankungen, Übergewicht und Bewegungsmangel. Auch die Einnahme von anderen Medikamenten wie Beruhigungsmitteln und weitere chronische Schmerzerkrankungen wie chronische Rückenschmerzen erhöhten die Wahrscheinlichkeit dafür.

„Häufig wird auch nicht ausreichend geprüft, ob die verordnete oder empfohlene Akutmedikation überhaupt wirksam ist“, nennt Dr. Gaul einen weiteren Punkt. Patienten, die ihre Akutmedikation als gut wirksam einschätzen, hätten ein geringeres Chronifizierungsrisiko als solche, die ihre Akutmedikation als unzureichend wirksam beurteilten.

Wenn Kopfschmerzen nicht nur gelegentlich, sondern regelmäßig oder gar häufig bestehen, empfiehlt Dr. Gaul vorbeugende Maßnahmen: „Als wirksam in Studien belegt sind kognitive Verhaltenstherapien, regelmäßiger Ausdauersport sowie Entspannungsverfahren – wie die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson sowie Yoga und Meditation.“ Darüber hinaus sind etliche Medikamente zur vorbeugenden Einnahme zugelassen: „Langjährig etabliert sind hier Betablocker, trizyklische Antidepressiva, Antikonvulsiva (Valproat, Flunarizin und Topiramat), Botulinumtoxin zur Therapie der chronischen Migräne sowie, jedoch ohne spezifische Zulassung zur Migräneprophylaxe (sogenannter Off-Label-Gebrauch), beispielsweise Candesartan“, berichtet Dr. Gaul. Seit November 2018 ist auch der Antikörper Erenumab zur Prophylaxe der Migräne bei Erwachsenen mit vier oder mehr Migränetagen pro Monat erhältlich.

Eine Kombination aus Verhaltensänderung, klassischen Entspannungsmaßnahmen und der vorbeugenden Einnahme von Medikamenten zeige die beste Wirkung bei der Behandlung von Kopfschmerzen, fasst der Experte zusammen.

Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung e. V. (DGKN)